Vrokunda

28. August Agios Ioannis
Autorin: Brigitte Ohm
 
Holprig war er, der Weg bzw der Anflug auf Karpathos und steinig der Weg zur Höhle von Vroukounda. Jedes Jahr pilgern die Einheimischen an die nordwestliche Spitze von Karpathos in die kleine Kirche von Agios Ionannis, die dort in einer Höhle liegt. Hier befand sich der Hafen der antiken Stadt Bykous, der in der Zeit des griechischen Freiheitskampfes von 1821 wichtig war.An dieser Kirche wird jedes Jahr am 28.August Johannes der Täufer geehrt, der geköpft wurde.

Dieser Ort ist ein spiritueller Ort, von dem eine ganz besondere Energie ausgeht.
Die ansässigen Einheimischen packen ihre Esel, schnüren ihren Hausstand zusammen und machen sich auf den fast zweistündigen Weg hinab zu diesem Ort. Unten angekommen, schlagen sie nach dieser Strapaze ihr Lager auf, denn die Nacht und die Feier werden lang. Das Essen wird in großen Töpfen von einigen Frauen vorbereitet.Wenn der Pope die Glocke schlägt, beginnt das Ritual der Messe. Die Gläubigen versammeln sich in der Höhle, in der schon bedingt durch die Luftfeuchtigkeit und dem Duft von Weihrauch eine ganz besondere Stimmung herrscht.Nach der Messe wird gemeinsam gegessen. Danach beginnen die Meraklides, speziell befähigte Sänger, mit ihrem Sprechgesang, den Mantinades.

In Begleitung von Lyra und Laute wird in dieser Form das Dorfleben besungen. Es werden Menschen besungen und verabschiedet, die ins Ausland gehen, Streitigkeiten innerhalb der Familien werden in dieser Form beigelegt und alles, was jemandem auf dem Herzen liegt. Man kann sich vorstellen, dass einige Stunden vergehen können. Ein Mann aus dem engen Kreis wird den Tanz beginnen.
Der Stimmung entsprechend ist es der Kato. Die Großväter nehmen mit den kleinsten Enkelinnen den Platz im Tanzkreis ein. Die Mädchen in ihrer Tracht und Pracht sind ein Genuss für die Augen. Später dann kommen für die kleinen Mädchen die größeren Schwestern im heiratsfähigen Alter und für die Großväter die heiratsfähigen Herren. Sinn ist es, dass an so einem Abend jeder heiratsfähige Herr mit jeder heiratsfähigen Dame getanzt haben soll, um wahrzunehmen, wie die Schwingungen untereinander sind und wer mit wem zusammen paßt.Wenn niemand mehr aus der Gemeinschaft etwas zu sagen hat, sind die Matinades beendet und es gesellt sich zur Lyra und Laute ein Dudelsack.

Die Organopectis, wie die echten Musiker genannt werden, sitzen jetzt auf den Tischen, und der nächste Tanzteil, der Pano, kann beginnen. Wenn ein so großer Kreis in eine einheitliche Schwingung gerät, geht davon eine  besondere Energie aus, die einem eine Gänsehaut von den Haarwurzeln bis zu den Füßen beschert. Der Dudelsack sorgt dafür, dass die Tänzer in ihrer Stimmung hochgepeitscht  und fast zu Akrobaten werden. Der Pano gehört aufgrund seiner Funktion als „Heiratsmarkt“ zum Weltkulturerbe der Unesco.

Die Tanzschritte erscheinen so leicht und sind dennoch eine Herausforderung bis man es schafft, in die einheitliche Schwingung zu kommen. Nachdem jeder Herr mit jeder Dame getanzt hat, geht der Pano zu Ende und es folgen Gesellschaftstänze. Bei diesem Programm kann sich jeder vorstellen, dass dieses die ganze Nacht andauert. Viele legen sich zwischendurch in ihre Betten oder Schlafsäcke, die sie sich teilweise auf Eseln mitgebracht haben. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, wird dieser Ablauf mit der nächsten Messe neu gestartet.So war es viele Jahrzehnte. Die Einheimischen blieben unter sich und pflegten in Ruhe ihr Brauchtum.
Seit diese Veranstaltung in Reiseführern aufgetaucht ist, pilgern Scharen von Touristen an diesen Ort und nehmen den Platz ein. Sie lassen sich weder von Schotterpisten, noch von dem Fußmarsch abhalten, wo es dort unten ja  etwas Großes zu bestaunen gibt. In diesem Jahr waren zusätzlich zwei Profikamerateams vor Ort und haben den Tänzern die Kamera und die Scheinwerfer direkt vor die Nase gehalten. Die Damen wurden beim Anlegen der Tracht gefilmt und fotografiert. Nicht zu vergessen die vielen „normalen“ Touristen, die selbst in der Messe in der Höhle den Fotoapparat vor der Nase haben.  Ich gebe zu, wir waren auch in Vrokounda, sonst könnte ich diese Zeilen nicht schreiben.
Wir, das ist eine griechische Tanzgruppe aus Deutschland. Sensibilisiert von unserem Lehrer gehen wir respektvoll und dezent mit diesem Brauchtum um. Wir halten uns im Hintergrund und sind dankbar, dass wir an diesem Ereignis überhaupt teilhaben dürfen.Von den Einheimischen habe ich den Eindruck, dass sie resignieren und diesen „Rummel“ so gut es geht, würdevoll ertragen.
Es ist nur schade, dass  nun auch dieser Brauch bald der Vergangenheit angehören wird.


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